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Von SpritFuchs Redaktion

OPEC erklärt: Wie ein Kartell aus zwölf Ländern unsere Spritpreise bestimmt

Die OPEC kontrolliert rund 70 Prozent der weltweiten Ölreserven — doch wie kommt ein Beschluss aus Wien an der deutschen Zapfsäule an? Eine Erklärung für Autofahrer.

Inhaltsverzeichnis

Wer oder was ist die OPEC eigentlich?

Die OPEC ist ein Kartell aus zwölf erdölexportierenden Staaten, das gemeinsam rund 70 Prozent der weltweit nachgewiesenen Ölreserven kontrolliert. Wer auf aktuelle Spritpreise schaut und sich fragt, warum sich die Anzeige an der Zapfsäule jede Woche verändert, landet früher oder später bei dieser Organisation mit Sitz in Wien — und bei einem komplizierten Mechanismus, der einen Beschluss im Konferenzsaal in eine Zahl auf dem Kassenzettel übersetzt.

Gegründet wurde die Organisation am 14. September 1960 in Bagdad. Die fünf Gründerstaaten Irak, Iran, Kuwait, Saudi-Arabien und Venezuela hatten ein gemeinsames Problem: Im Lauf der 1950er Jahre war der Rohölpreis so weit gefallen, dass mehrere von ihnen in ernste Haushaltskrisen geraten waren. Die Erschließung neuer Quellen weltweit hatte das Angebot größer werden lassen als die Nachfrage. Auf saudische Initiative beschlossen die Förderstaaten, ihre Mengen künftig zu koordinieren. Seit September 1965 sitzt die OPEC in Wien — der österreichische Außenminister Bruno Kreisky unterzeichnete damals das Amtssitzabkommen.

Heute besteht das Kartell aus Algerien, Äquatorial-Guinea, Gabun, Irak, Iran, Kongo, Kuwait, Libyen, Nigeria, Saudi-Arabien, Venezuela und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ecuador, Katar und Angola sind zwischen 2019 und 2023 ausgetreten — meist, weil sie die verbindlichen Förderquoten als nachteilig empfanden. Das Schrumpfen der Mitgliederzahl ist auch der Grund, warum die OPEC seit 2016 mit zehn weiteren Staaten unter dem Label OPEC+ zusammenarbeitet. Erst dieser erweiterte Verbund kommt überhaupt auf einen Marktanteil, der den Weltpreis spürbar bewegen kann.

Wie kommt ein OPEC-Beschluss an der Zapfsäule in Hamburg an?

Die Übersetzung läuft über drei Stationen, und jede Station kostet Zeit. Erste Station ist der internationale Rohölmarkt. Verkündet die OPEC nach einem Ministertreffen eine Förderkürzung, reagiert der Brent-Future binnen Minuten — Händler kaufen oder verkaufen Lieferkontrakte für die nächsten Monate. Brent ist dabei kein zufälliger Maßstab: Etwa zwei Drittel des international gehandelten Rohöls werden gegen diese Nordseesorte bepreist. Auch deutsche Raffinerien orientieren sich an Brent, obwohl sie ihr Öl längst aus vielen Quellen beziehen.

Zweite Station ist der Produktenmarkt im Hafendreieck Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen, kurz ARA. Hier wird nicht Rohöl, sondern fertiger Diesel und Vergaserkraftstoff gehandelt. Der ARA-Preis ist für deutsche Tankstellen der eigentliche Beschaffungspreis — und er folgt Brent nicht eins zu eins. Raffineriemargen, Wartungsausfälle und Lagerbestände schieben sich dazwischen. Wer verstehen will, warum Rohöl billig sein kann und der Sprit trotzdem teuer bleibt, findet im SpritFuchs-Erklärstück zu Raffinerie-Engpässen die Details.

Dritte Station ist die einzelne Tankstelle. Sie bekommt ihre Lieferung im Tankwagen, kalkuliert die ARA-Notierung plus Transport, Steuern und Marge — und passt den Preis am Display an. Bei einer großen Markenkette geschieht das zentralisiert für tausende Stationen gleichzeitig, bei freien Tankstellen oft eigenständig vor Ort. Üblicherweise vergehen zwischen einem OPEC-Beschluss und der ersten Preisbewegung in München oder Hamburg drei bis zehn Tage. Bei Krisen — etwa einem Angriff auf Förderanlagen — kann es schneller gehen.

OPEC vs OPEC+: Der Unterschied, der seit 2016 alles verändert hat

Wer in Wirtschaftsmeldungen nach OPEC sucht, stößt fast immer auf den Zusatz "+" dahinter. Das ist mehr als kosmetisch. Im Jahr 2016 schloss sich die OPEC mit zehn weiteren Förderstaaten zur sogenannten Declaration of Cooperation zusammen. Wichtigster Neuzugang war Russland — damals zweitgrößter Ölproduzent der Welt. Hinzu kamen Aserbaidschan, Bahrain, Brunei, Kasachstan, Malaysia, Mexiko, Oman, Sudan und Südsudan.

Der Grund war einfach: Die OPEC allein produzierte 2016 nur noch etwa 40 Prozent des weltweiten Rohöls — zu wenig, um Preise gegen die schiere Masse aus den USA, Russland und anderen Nicht-Mitgliedern zu verteidigen. Mit dem Verbund OPEC+ steigt der Anteil auf rund 46 Prozent (Stand 2026). Das reicht aus, um über koordinierte Förderkürzungen den Markt zu disziplinieren — aber nur, solange die wichtigsten Mitglieder mitspielen.

Genau hier liegt 2026 die Achillesferse des Kartells. Acht OPEC+ Staaten unter Führung von Saudi-Arabien und Russland haben angekündigt, die seit 2023 bestehenden Kürzungen über 2,2 Millionen Barrel pro Tag erst bis September 2026 schrittweise zurückzufahren — und nicht wie ursprünglich geplant ab Januar. Hintergrund ist die schwächelnde Nachfrage aus China und die anhaltend hohe US-Schieferölförderung. Der Brent-Preis lag Anfang 2026 bei rund 63 Dollar je Barrel und damit etwa 15 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Das zeigt: Selbst mit Förderdisziplin verlieren die Förderländer die Preiskontrolle, wenn das Angebot anderswo wächst.

Warum der Tankpreis nicht eins zu eins dem Ölpreis folgt

Wer Schlagzeilen vergleicht — "Brent stürzt ab" versus "Sprit kaum billiger" — hat zwei Reflexe: Schimpfen auf die Mineralölkonzerne oder Verständnislosigkeit. Beides ist unvollständig. Der eigentliche Grund liegt in der Kostenstruktur des Endpreises. Bei 1,80 Euro pro Liter Diesel macht das Rohöl nur etwa 30 bis 35 Cent aus — rund ein Sechstel. Den Rest erklärt die Zusammensetzung des Benzinpreises im Detail.

BestandteilAnteil an 1,80 € DieselWirkt OPEC darauf?
Rohöl (Brent-Beschaffung)~32 ct (18 %)Direkt
Raffinerie- und Vertriebsmarge~25 ct (14 %)Indirekt
Energiesteuer Diesel47,04 ct (26 %)Nein
CO2-Abgabe (45 €/t)~12 ct (7 %)Nein
Mehrwertsteuer 19 %~28,7 ct (16 %)Nein
Bruttogewinn Tankstelle5–12 ctNein
Nur die ersten beiden Posten reagieren überhaupt auf OPEC-Entscheidungen — und auch dort nicht linear. Halbiert sich der Rohölpreis, sinkt der Endpreis an der Zapfsäule deshalb nicht auf die Hälfte. In der Praxis schlägt eine Brent-Bewegung von 10 Dollar je Barrel mit etwa 5 bis 7 Cent pro Liter durch.

Hinzu kommt ein zeitlicher Schiefstand: Preiserhöhungen reicht die Branche schnell weiter, weil die nächste Lieferung teurer wird. Bei Senkungen ist sie zurückhaltender, weil Tanks noch mit teurer beschafftem Sprit gefüllt sind — und weil sich kurzfristig höhere Margen abschöpfen lassen. Das Bundeskartellamt hat dieses asymmetrische Verhalten — bekannt als "Rocket and Feather"-Effekt — bereits in seiner Sektoruntersuchung Kraftstoffe 2011 belegt und seither mehrfach bestätigt.

Drei OPEC-Schocks, die deutsche Spritpreise dauerhaft veränderten

Wer die Wirkung der OPEC verstehen will, sollte sich drei historische Wendepunkte ansehen — sie erklären, warum das Kartell heute noch jedes Wirtschaftsressort beschäftigt.

Im Oktober 1973 verhängte die OPEC ein Ölembargo gegen die westlichen Unterstützer Israels im Jom-Kippur-Krieg. Der Rohölpreis vervierfachte sich binnen weniger Monate von rund drei auf zwölf Dollar je Barrel. In Deutschland kam es zu autofreien Sonntagen, Tempolimits auf Autobahnen und einer offenen Debatte über die Abhängigkeit vom Öl. Der Liter Normalbenzin sprang innerhalb eines Jahres von 70 auf über 90 Pfennig — eine Erfahrung, die das deutsche Verkehrsministerium bis heute prägt.

Im November 2014 entschied sich die OPEC unter saudischer Führung bewusst gegen eine Förderkürzung — obwohl der US-Schieferölboom den Markt zu fluten begann. Riad wollte die teurer fördernden US-Konkurrenten in die Verlustzone drücken und Marktanteile verteidigen. Der Brent-Preis stürzte von 115 Dollar auf unter 30 Dollar je Barrel ab. Diesel in Deutschland fiel von 1,45 Euro auf zeitweise unter einen Euro. Die Strategie funktionierte nur teilweise: Die US-Förderung ging vorübergehend zurück, kam aber technologisch effizienter zurück — heute liefern die USA mehr Rohöl als Saudi-Arabien und Russland zusammen.

Im März 2020 löste der Streit zwischen Saudi-Arabien und Russland einen kurzen Preiskrieg aus. Mitten in der einsetzenden Corona-Pandemie weitete Riad seine Förderung demonstrativ aus, der Brent-Preis brach auf 19 Dollar je Barrel ein, bei US-Sorten gab es kurzzeitig sogar negative Preise. Erst die Wiederbelebung der Kooperation als OPEC+ im April 2020 stabilisierte den Markt — bei stark gedrosselter Förderung. Bis 2022 zog der Preis dann auf über 120 Dollar an und trieb mit Hilfe des Ukraine-Kriegs die deutschen Spritpreise auf Rekordwerte über 2,20 Euro pro Liter.

Die Muster ähneln sich: Politische Konflikte oder Marktanteilskämpfe lösen abrupte Preisbewegungen aus, an die sich die deutsche Wirtschaft binnen Wochen bis Monaten anpasst. Was bleibt, ist eine dauerhafte Sensibilität — und die Erkenntnis, dass die OPEC zwar nicht jeden Cent an der Zapfsäule erklärt, aber die großen Schwankungen meist bei ihr beginnen.

Was Verbraucher aus OPEC-Meldungen ablesen können

Für den Alltag an der Tankstelle gibt es drei praktische Lehren. Erstens: Wer eine OPEC-Schlagzeile liest, sollte nicht sofort tanken oder warten — die deutsche Zapfsäule reagiert verzögert und gedämpft. Wer in den nächsten drei Tagen ohnehin tanken muss, gewinnt durch Spekulation nichts. Zweitens: Tagesschwankungen von zehn bis fünfzehn Cent in einer Stadt haben mit der OPEC fast nichts zu tun. Sie spiegeln lokales Wettbewerbsverhalten, Tageszeit und Wochenmuster wider — Faktoren, die viel besser planbar sind als ein Ministerbeschluss in Wien.

Drittens: Der größte Hebel des einzelnen Autofahrers liegt nicht im Timing, sondern im Vergleich. Zwischen zwei Stationen im selben Stadtteil liegen oft 10 bis 20 Cent — mehr, als ein durchschnittlicher OPEC-Beschluss innerhalb eines Quartals auf den Markt bringt. Vergleichen Sie deshalb vor jeder größeren Fahrt die aktuellen Preise in Ihrer Region, bevor Sie sich auf die nächste OPEC-Meldung im Wirtschaftsteil verlassen. Wer beim Tagestief tankt statt beim Tageshoch, spart über ein Jahr bei durchschnittlicher Fahrleistung mehr als jede vorhersehbare Marktbewegung einbringen würde.

Häufig gestellte Fragen

Die OPEC zählt 2026 zwölf Mitgliedsstaaten: Algerien, Äquatorial-Guinea, Gabun, Irak, Iran, Kongo, Kuwait, Libyen, Nigeria, Saudi-Arabien, Venezuela und die Vereinigten Arabischen Emirate. Sie kontrollieren gemeinsam rund 70 Prozent der weltweit nachgewiesenen Ölreserven.

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