Zum Inhalt springen
SpritFuchsSpritFuchs
Von

OPEC erklärt: Wie das Ölkartell unsere Spritpreise bestimmt

OPEC und Spritpreise: Wie ein Beschluss aus Wien in drei bis zehn Tagen an der deutschen Zapfsäule ankommt und warum Rohöl nur einen Teil erklärt.

Überarbeitung vom 17. September 2026: Aussage zur US-Fördermenge korrigiert, Brent-Preisangabe auf Anfang 2026 datiert, unbelegte Formulierungen entfernt oder als Faustregel gekennzeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Wer oder was ist die OPEC eigentlich?

Die OPEC ist ein Kartell aus zwölf erdölexportierenden Staaten, das gemeinsam rund 70 Prozent der weltweit nachgewiesenen Ölreserven kontrolliert. Wer auf aktuelle Spritpreise schaut und sich fragt, warum sich die Anzeige an der Zapfsäule jede Woche verändert, landet früher oder später bei dieser Organisation mit Sitz in Wien und bei einem komplizierten Mechanismus, der einen Beschluss im Konferenzsaal in eine Zahl auf dem Kassenzettel übersetzt.

Gegründet wurde die Organisation am 14. September 1960 in Bagdad. Die fünf Gründerstaaten Irak, Iran, Kuwait, Saudi-Arabien und Venezuela hatten ein gemeinsames Problem: Im Lauf der 1950er Jahre war der Rohölpreis so weit gefallen, dass mehrere von ihnen in ernste Haushaltskrisen geraten waren. Die Erschließung neuer Quellen weltweit hatte das Angebot größer werden lassen als die Nachfrage. Auf saudische Initiative beschlossen die Förderstaaten, ihre Mengen künftig zu koordinieren. Seit September 1965 sitzt die OPEC in Wien. Der österreichische Außenminister Bruno Kreisky unterzeichnete damals das Amtssitzabkommen.

Heute besteht das Kartell aus Algerien, Äquatorial-Guinea, Gabun, Irak, Iran, Kongo, Kuwait, Libyen, Nigeria, Saudi-Arabien, Venezuela und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ecuador, Katar und Angola sind zwischen 2019 und 2023 ausgetreten, meist weil sie die verbindlichen Förderquoten als nachteilig empfanden. Das Schrumpfen der Mitgliederzahl ist auch der Grund, warum die OPEC seit 2016 mit zehn weiteren Staaten unter dem Label OPEC+ zusammenarbeitet. Erst dieser erweiterte Verbund kommt überhaupt auf einen Marktanteil, der den Weltpreis spürbar bewegen kann.

Wie kommt ein OPEC-Beschluss an der Zapfsäule in Hamburg an?

Die Übersetzung läuft über drei Stationen, und jede Station kostet Zeit. Erste Station ist der internationale Rohölmarkt. Verkündet die OPEC nach einem Ministertreffen eine Förderkürzung, reagiert der Brent-Future binnen Minuten: Händler kaufen oder verkaufen Lieferkontrakte für die nächsten Monate. Brent ist dabei kein zufälliger Maßstab: Etwa zwei Drittel des international gehandelten Rohöls werden gegen diese Nordseesorte bepreist. Auch deutsche Raffinerien orientieren sich an Brent, obwohl sie ihr Öl längst aus vielen Quellen beziehen.

Zweite Station ist der Produktenmarkt im Hafendreieck Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen, kurz ARA. Hier wird nicht Rohöl, sondern fertiger Diesel und Vergaserkraftstoff gehandelt. Der ARA-Preis ist für deutsche Tankstellen der eigentliche Beschaffungspreis – und er folgt Brent nicht eins zu eins. Raffineriemargen, Wartungsausfälle und Lagerbestände schieben sich dazwischen. Warum Rohöl billig sein kann und der Sprit trotzdem teuer bleibt, zeigt das SpritFuchs-Erklärstück zu Raffinerie-Engpässen im Detail.

Dritte Station ist die einzelne Tankstelle. Sie bekommt ihre Lieferung im Tankwagen, kalkuliert die ARA-Notierung plus Transport, Steuern und Marge und passt den Preis am Display an. Bei einer großen Markenkette geschieht das zentralisiert für tausende Stationen gleichzeitig, bei freien Tankstellen oft eigenständig vor Ort. Üblicherweise vergehen zwischen einem OPEC-Beschluss und der ersten Preisbewegung in München oder Hamburg drei bis zehn Tage. Bei Krisen, etwa einem Angriff auf Förderanlagen, kann es schneller gehen.

Was ist der Unterschied zwischen OPEC und OPEC+?

In Wirtschaftsmeldungen steht hinter OPEC fast immer der Zusatz „+“. Das ist mehr als kosmetisch. Im Jahr 2016 schloss sich die OPEC mit zehn weiteren Förderstaaten zur sogenannten Declaration of Cooperation zusammen. Wichtigster Neuzugang war Russland, damals zweitgrößter Ölproduzent der Welt. Hinzu kamen Aserbaidschan, Bahrain, Brunei, Kasachstan, Malaysia, Mexiko, Oman, Sudan und Südsudan.

Der Grund war einfach: Die OPEC allein produzierte 2016 nur noch etwa 40 Prozent des weltweiten Rohöls – zu wenig, um Preise gegen die schiere Masse aus den USA, Russland und anderen Nicht-Mitgliedern zu verteidigen. Mit dem Verbund OPEC+ steigt der Anteil auf rund 46 Prozent (Stand 2026). Das reicht aus, um über koordinierte Förderkürzungen den Markt zu disziplinieren, aber nur, solange die wichtigsten Mitglieder mitspielen.

Genau hier liegt 2026 die Achillesferse des Kartells. Acht OPEC+ Staaten unter Führung von Saudi-Arabien und Russland haben angekündigt, die seit 2023 bestehenden Kürzungen über 2,2 Millionen Barrel pro Tag erst bis September 2026 schrittweise zurückzufahren und nicht wie ursprünglich geplant ab Januar. Hintergrund ist die schwächelnde Nachfrage aus China und die anhaltend hohe US-Schieferölförderung. Der Brent-Preis lag Anfang 2026 bei rund 63 Dollar je Barrel und damit etwa 15 Prozent unter dem Vorjahresniveau; wie sich das seither an der Zapfsäule niedergeschlagen hat, zeigt die Preisentwicklung. Der Jahresauftakt zeigte: Selbst mit Förderdisziplin verlieren die Förderländer die Preiskontrolle, wenn das Angebot anderswo wächst.

Warum folgt der Tankpreis nicht eins zu eins dem Ölpreis?

Der Grund liegt in der Kostenstruktur des Endpreises: Bei 1,80 € pro Liter Diesel macht das Rohöl nur etwa 30 bis 35 Cent aus, rund ein Sechstel. Den Rest erklärt die Zusammensetzung des Benzinpreises im Detail. Schlagzeilen wie „Brent stürzt ab“ neben „Sprit kaum billiger“ lösen meist zwei Reflexe aus: Schimpfen auf die Mineralölkonzerne oder Verständnislosigkeit. Beides ist unvollständig.

BestandteilAnteil an 1,80 € DieselWirkt OPEC darauf?
Rohöl (Brent-Beschaffung)~32 ct (18 %)Direkt
Raffinerie- und Vertriebsmarge~25 ct (14 %)Indirekt
Energiesteuer Diesel47,04 ct (26 %)Nein
CO2-Abgabe (45 €/t)~12 ct (7 %)Nein
Mehrwertsteuer 19 %~28,7 ct (16 %)Nein
Bruttogewinn Tankstelle5–12 ctNein

Nur die ersten beiden Posten reagieren überhaupt auf OPEC-Entscheidungen, und auch dort nicht linear. Halbiert sich der Rohölpreis, sinkt der Endpreis an der Zapfsäule deshalb nicht auf die Hälfte. Als Faustregel schlägt eine Brent-Bewegung von 10 Dollar je Barrel mit etwa 5 bis 7 Cent pro Liter durch.

Hinzu kommt ein zeitlicher Schiefstand: Preiserhöhungen reicht die Branche schnell weiter, weil die nächste Lieferung teurer wird. Bei Senkungen ist sie zurückhaltender, weil Tanks noch mit teurer beschafftem Sprit gefüllt sind und weil sich kurzfristig höhere Margen abschöpfen lassen. Das Bundeskartellamt hat dieses asymmetrische Verhalten (bekannt als „Rocket and Feather“-Effekt) bereits in seiner Sektoruntersuchung Kraftstoffe 2011 belegt und seither mehrfach bestätigt.

Drei OPEC-Schocks, die deutsche Spritpreise dauerhaft veränderten

Drei historische Wendepunkte zeigen die Wirkung der OPEC. Sie erklären, warum das Kartell heute noch jedes Wirtschaftsressort beschäftigt.

Im Oktober 1973 verhängte die OPEC ein Ölembargo gegen die westlichen Unterstützer Israels im Jom-Kippur-Krieg. Der Rohölpreis vervierfachte sich binnen weniger Monate von rund drei auf zwölf Dollar je Barrel. In Deutschland kam es zu autofreien Sonntagen, Tempolimits auf Autobahnen und einer offenen Debatte über die Abhängigkeit vom Öl. Der Liter Normalbenzin sprang innerhalb eines Jahres von 70 auf über 90 Pfennig.

Im November 2014 entschied sich die OPEC unter saudischer Führung bewusst gegen eine Förderkürzung, obwohl der US-Schieferölboom den Markt zu fluten begann. Riad wollte die teurer fördernden US-Konkurrenten in die Verlustzone drücken und Marktanteile verteidigen. Der Brent-Preis stürzte von 115 Dollar auf unter 30 Dollar je Barrel ab. Diesel in Deutschland fiel von 1,45 € auf zeitweise unter einen Euro. Die Strategie funktionierte nur teilweise: Die US-Förderung ging vorübergehend zurück, kam aber technologisch effizienter zurück. Heute sind die USA der größte Rohölproduzent der Welt, vor Saudi-Arabien und Russland.

Im März 2020 löste der Streit zwischen Saudi-Arabien und Russland einen kurzen Preiskrieg aus. Mitten in der einsetzenden Corona-Pandemie weitete Riad seine Förderung demonstrativ aus, der Brent-Preis brach auf 19 Dollar je Barrel ein, bei US-Sorten gab es kurzzeitig sogar negative Preise. Erst die Wiederbelebung der Kooperation als OPEC+ im April 2020 stabilisierte den Markt – bei stark gedrosselter Förderung. Bis 2022 zog der Preis dann auf über 120 Dollar an und trieb mit Hilfe des Ukraine-Kriegs die deutschen Spritpreise auf Rekordwerte über 2,20 € pro Liter.

Die Muster ähneln sich: Politische Konflikte oder Marktanteilskämpfe lösen abrupte Preisbewegungen aus, an die sich die deutsche Wirtschaft binnen Wochen bis Monaten anpasst. Was bleibt, ist eine dauerhafte Sensibilität und die Erkenntnis, dass die OPEC zwar nicht jeden Cent an der Zapfsäule erklärt, aber die großen Schwankungen meist bei ihr beginnen.

Was Verbraucher aus OPEC-Meldungen ablesen können

Für den Alltag an der Tankstelle gibt es drei praktische Lehren. Nach einer OPEC-Schlagzeile sollte man weder sofort tanken noch abwarten, denn die deutsche Zapfsäule reagiert verzögert und gedämpft. Wer in den nächsten drei Tagen ohnehin tanken muss, gewinnt durch Spekulation nichts. Hinzu kommt: Tagesschwankungen von zehn bis fünfzehn Cent in einer Stadt haben mit der OPEC fast nichts zu tun. Sie spiegeln lokales Wettbewerbsverhalten, Tageszeit und Wochenmuster wider – Faktoren, die viel besser planbar sind als ein Ministerbeschluss in Wien. Wann genau Tanken am günstigsten ist, erklärt unser Ratgeber: Wann ist Tanken am günstigsten?.

Der größte Hebel des einzelnen Autofahrers liegt schließlich nicht im Timing, sondern im Vergleich. Zwischen zwei Stationen im selben Stadtteil können 10 bis 20 Cent liegen – mehr, als ein durchschnittlicher OPEC-Beschluss innerhalb eines Quartals auf den Markt bringt. Vergleichen Sie deshalb vor jeder größeren Fahrt die aktuellen Preise in Ihrer Region, bevor Sie sich auf die nächste OPEC-Meldung im Wirtschaftsteil verlassen. Tanken beim Tagestief statt beim Tageshoch spart über ein Jahr bei durchschnittlicher Fahrleistung mehr, als jede vorhersehbare Marktbewegung einbringen würde.

Häufig gestellte Fragen

Wie viele Mitgliedsstaaten hat die OPEC 2026?

Die OPEC zählt 2026 zwölf Mitgliedsstaaten: Algerien, Äquatorial-Guinea, Gabun, Irak, Iran, Kongo, Kuwait, Libyen, Nigeria, Saudi-Arabien, Venezuela und die Vereinigten Arabischen Emirate. Sie kontrollieren gemeinsam rund 70 Prozent der weltweit nachgewiesenen Ölreserven.

Was ist der Unterschied zwischen OPEC und OPEC+?

Die OPEC ist das ursprüngliche Kartell, gegründet 1960 in Bagdad. OPEC+ ist eine erweiterte Allianz, die seit 2016 zusätzlich zehn Förderländer außerhalb des Kartells einbindet – darunter Russland, Kasachstan, Mexiko und Oman. Erst dieser Verbund kontrolliert genug Förderkapazität, um Weltmarktpreise spürbar zu lenken.

Wie schnell wirken OPEC-Beschlüsse auf den Spritpreis in Deutschland?

Der Brent-Markt reagiert binnen Minuten auf eine OPEC-Pressemitteilung. Bis sich der neue Rohölpreis über Raffinerien und den Rotterdamer Produktenmarkt zur deutschen Zapfsäule durchgearbeitet hat, vergehen üblicherweise drei bis zehn Tage. Preiserhöhungen kommen meist schneller an als Senkungen – das ist der bekannte 'Rocket and Feather'-Effekt.

Warum fällt der Spritpreis langsamer als der Ölpreis?

Tankstellen geben Preiserhöhungen sofort weiter, weil ihre Beschaffungskosten steigen. Bei sinkenden Rohölpreisen verzögern sie die Weitergabe und schöpfen vorübergehend höhere Margen ab. Das Bundeskartellamt hat dieses asymmetrische Verhalten bereits in der Sektoruntersuchung 2011 belegt – und seither mehrfach nachgewiesen.

Welchen Anteil hat das Rohöl am Endpreis an der Zapfsäule?

Bei einem Literpreis von 1,80 Euro entfallen etwa 30 bis 35 Cent auf das eigentliche Rohöl, also rund 17 bis 19 Prozent. Den weitaus größeren Teil machen Energiesteuer (47,04 Cent bei Diesel, 65,45 Cent bei Benzin), CO2-Abgabe, Mehrwertsteuer sowie Raffinerie- und Vertriebsmarge aus.

Was hat die OPEC mit dem Brent-Ölpreis zu tun?

Brent ist die wichtigste Referenzsorte für etwa zwei Drittel des international gehandelten Rohöls. Da die OPEC mit ihren Förderentscheidungen das globale Angebot direkt steuert, gilt sie als zentraler Preistreiber. Sinken die Quoten, steigt typischerweise der Brent-Preis – und umgekehrt.

Wo hat die OPEC ihren Sitz?

Die OPEC hat ihren Hauptsitz seit dem 1. September 1965 in Wien – davor zwei Jahre lang in Genf. Der österreichische Außenminister Bruno Kreisky unterzeichnete damals das Amtssitzabkommen mit Generalsekretär Ashraf Lutfi.

Weiterlesen bei SpritFuchs

Ratgeber

Raffinerie-Engpässe: Warum Sprit trotz billigem Öl teuer ist

Zwischen dem Rohöl an der Börse und dem Sprit an der Zapfsäule liegen 13 deutsche Raffinerien. Steigt deren Auslastung über 85 Prozent oder fällt eine Anlage durch Wartung oder politische Krise aus, schiebt sich der sogenannte Crack-Spread nach oben – und der Liter wird teurer, selbst wenn Brent gerade billig ist. Ab 2025 verschwinden in Wesseling und Gelsenkirchen rund 12 Millionen Tonnen Verarbeitungskapazität aus dem Markt. Wer wissen will, warum die Pumpe nicht jedem Ölpreis-Rutsch folgt, schaut am besten zuerst auf die Raffinerie.

Ratgeber

Benzinpreis-Zusammensetzung: Steuern, Rohöl und Marge

Bei 1,70 € pro Liter sind rund 63 % des Benzinpreises Steuern und Abgaben: 65,45 Cent Energiesteuer, etwa 13 bis 15 Cent CO2-Abgabe, plus 19 % Mehrwertsteuer (auch auf die anderen Abgaben). Die Marge der Tankstellen liegt nur bei 5–12 Cent pro Liter – die meisten Preisschwankungen stammen also nicht von den Pächtern.

News

Ölpreis stürzt unter 100 Dollar, Sprit wird kaum billiger

Der Rohölpreis ist binnen einer Woche von etwa 111 auf unter 100 US-Dollar je Barrel Brent gefallen – ausgelöst durch Anzeichen einer Annäherung zwischen den USA und dem Iran. An der Zapfsäule kommt davon bisher nur ein Bruchteil an: Diesel wurde im bundesweiten Schnitt um 4,5 Cent günstiger, Super E10 um 2,7 Cent. Der ADAC spricht von einer viel zu langsamen Weitergabe und kritisiert die Mineralölkonzerne. Das Bundeskartellamt beziffert die Tankrabatt-Weitergabe im Mai auf 82 bis 94 Prozent – die jüngste Lücke zum gesunkenen Rohölpreis kommt obendrauf und folgt dem bekannten Muster: Preise schießen nach oben, kriechen nach unten.

Analyse

Dieselpreis 2026: Warum der Liter über 2,27 € kostet

Der Dieselpreis liegt Ende März 2026 bei 2,276 € – rund 11 Cent höher als 2025. Treiber sind regulatorische Hebel: CO2-Abgabe +3,2 Cent/Liter brutto, THG-Quote +7,2 Cent/Liter durch den Anstieg von 10,6 % auf 12 %, und die RED-III-Umsetzung. Ab 2028 droht laut ADAC durch ETS II ein weiterer Sprung von bis zu 19 Cent.