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Von SpritFuchs Redaktion

Raffinerie-Engpässe: Warum Rohöl billig sein kann und Sprit trotzdem teuer

Deutschland hat noch 13 Raffinerien mit 105 Millionen Tonnen Jahreskapazität. Warum das Spritpreise erklärt, die nichts mehr mit dem Rohölpreis zu tun haben — und was 2026 anders wird.

Inhaltsverzeichnis

Wie eine Raffinerie den Preis an der Zapfsäule bestimmt

Eine Raffinerie ist die Stelle, an der aus Rohöl das wird, was später im Tank landet — Diesel, Super E5, Super E10. Wer den Spritpreis verstehen will, kommt deshalb an den deutschen Raffinerien nicht vorbei. Ihr wirtschaftlicher Spielraum heißt Crack-Spread: die Differenz zwischen dem Preis für ein Barrel Rohöl und dem Preis für die fertigen Produkte. Steigt diese Differenz, wird der Sprit teurer — auch dann, wenn das Rohöl an der Börse gerade billig gehandelt wird. Genau das beobachtet man in den letzten Monaten regelmäßig im aktuellen Preisbild auf SpritFuchs: Brent gibt zwei Dollar nach, und die Pumpe bewegt sich keinen Cent.

Die Logik dahinter ist simpler, als sie klingt. Eine Raffinerie ist keine Maschine, die man auf Knopfdruck schneller laufen lässt. Sie hat eine feste Verarbeitungskapazität, sie braucht Wartungsfenster, sie hängt an Pipelines und Tanklagern. Sobald irgendwo in dieser Kette etwas klemmt, wird Sprit knapp — und Knappheit kostet Geld, ganz unabhängig davon, was das Rohöl am gleichen Tag in Rotterdam oder London macht.

Die 13 deutschen Raffinerien — eine Landkarte

In Deutschland gibt es noch 13 Rohöl-Raffinerien mit einer Gesamtkapazität von rund 105,7 Millionen Tonnen pro Jahr. Die Auslastung liegt im langjährigen Mittel bei etwa 85 Prozent. Das klingt nach Reserve, ist aber bei genauerem Hinsehen knapp: Wartungsstillstände dauern Wochen, ungeplante Ausfälle nach Bränden oder Stürmen können Monate dauern, und die übrigen Anlagen sind nicht beliebig hochzufahren.

Die drei größten Standorte tragen den Großteil der Last. Sie liegen geografisch so verteilt, dass jede Region Deutschlands ihre Hausraffinerie hat — und die Preise vor Ort spürbar davon abhängen, wie es dieser Anlage geht.

RaffinerieStandortKapazität (Mio. t/Jahr)Versorgungsraum
MiROKarlsruhe14,9Baden-Württemberg, Süd-RLP, Saarland
BPGelsenkirchen12,8 (ab 2025: ~8,5)Nordrhein-Westfalen, Westhessen
PCKSchwedt11,48Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern
ShellRheinland (Wesseling/Godorf)17,0 (ab 2025: ~9,5)NRW, Westhessen, Rheinland
HolbornHamburg5,15Hamburg, Norddeutschland
BPLingen5,0Niedersachsen, Westfalen
Die Tabelle erklärt nebenbei, warum Raffinerie-Nähe so stark im Preis sichtbar ist. Wer in Karlsruhe oder Ludwigshafen tankt, sitzt praktisch neben dem MiRO-Tor — kurze Wege, viele Wettbewerber, niedrige Preise. Wer in Bautzen oder Cottbus tankt, hängt an PCK Schwedt und damit an einer Anlage, die in den letzten Jahren häufiger in den Nachrichten war als ihr lieb sein dürfte. Das Stadtgefälle, das man in unserem Tankstädte-Ranking sieht, ist zu einem guten Teil ein Raffinerie-Gefälle.

Crack-Spread: Wenn die Margen explodieren

Der Crack-Spread ist die zentrale Kennzahl, um Spritpreis-Sprünge ohne Rohöl-Bewegung zu erklären. Im klassischen 3-2-1-Modell verarbeitet eine Raffinerie drei Barrel Rohöl zu zwei Barrel Benzin und einem Barrel Diesel; die Differenz zwischen Einkauf und Verkauf ist ihre Rohmarge.

In normalen Zeiten liegt dieser Spread bei rund 10 bis 15 US-Dollar pro Barrel. In Stress-Phasen — Wartung mehrerer Anlagen, Sturmschäden in Texas, eine politische Krise wie 2022 — kann er auf 30 bis 60 Dollar schießen. Das Rohöl kostet dann unverändert 80 Dollar, aber das fertige Benzin notiert plötzlich bei 140 Dollar pro Barrel. An der Zapfsäule schlägt das mit Verzögerung von wenigen Tagen durch. Wer sich gefragt hat, warum die Spritpreise im Mai zu langsam gefallen sind, findet hier einen Teil der Antwort: Der Crack-Spread war zwischenzeitlich überdurchschnittlich, und die Raffinerien haben die Differenz mitgenommen, bevor sie Stück für Stück an die Pumpe weitergegeben wurde.

Der Crack-Spread ist kein Skandal — er ist die Vergütung dafür, dass die Anlage existiert, gewartet wird und kapitalintensiv läuft. Aber er ist eine Variable im Preis, die der Verbraucher nicht in der Nachrichten-Schlagzeile findet. Während Brent jeden Morgen gemeldet wird, taucht der Crack-Spread fast nur in Fachpublikationen auf.

Engpass-Szenarien: PCK, Wesseling, Gelsenkirchen

Drei aktuelle Beispiele zeigen, wie schnell aus Theorie ein Preis auf der Anzeigetafel wird.

PCK Schwedt nach dem Russland-Embargo: Die Anlage war historisch auf russisches Pipeline-Öl ausgelegt. Nach dem Embargo 2022 sank die Auslastung zeitweise unter 60 Prozent, die Versorgung in Berlin und Brandenburg wurde dünn, der Spritpreis im Nordosten reagierte mit Aufschlägen von vier bis sechs Cent gegenüber dem Bundesschnitt. Seitdem läuft eine schwierige Umstellung auf Öl aus Kasachstan und über Rostock. Für 2026 stellt der Betreiber wieder eine Auslastung um 90 Prozent in Aussicht — bis dahin bleibt die Region preisempfindlich.

Shell Wesseling 2025: Shell hat angekündigt, die Rohöl-Verarbeitung im Energy and Chemicals Park Rheinland am Standort Wesseling einzustellen und die Anlage auf Schmierstoff-Basisöle umzustellen. Damit verschwinden rund 7,5 Millionen Tonnen Verarbeitungskapazität aus dem deutschen Markt. Diese Mengen müssen künftig über die ARA-Häfen — Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen — und Pipeline-Importe gedeckt werden. Das funktioniert solange, wie die ARA-Region selbst keine Engpässe hat.

BP Gelsenkirchen 2025: BP fährt die Kapazität in Gelsenkirchen um rund ein Drittel zurück, von 12,8 Millionen Tonnen auf etwa 8,5 Millionen. Zusammen mit Wesseling sind das rund 12 Millionen Tonnen weniger pro Jahr, etwa 11 Prozent der deutschen Gesamtkapazität. Das ist die größte Strukturveränderung im deutschen Raffinerie-Sektor seit über einem Jahrzehnt.

Was alle drei Szenarien gemeinsam haben: Sie wirken nicht auf den Rohölpreis, sondern auf den Crack-Spread. Brent kann fallen, Crack-Spread steigt — Saldo an der Zapfsäule null. So entsteht das Gefühl, dass Sprit nie billiger wird, obwohl die Nachrichten von sinkenden Ölnotierungen sprechen.

Was sich 2026 und 2027 ändert

Die Strukturveränderung trifft auf eine ohnehin schon angespannte Lage. Drei Punkte sind für Autofahrer relevant.

Erstens steigt die strukturelle Abhängigkeit von Importen. Wenn Wesseling und ein Drittel Gelsenkirchen wegfallen, kommen mehr fertige Produkte über Pipeline und Schiff aus den Niederlanden und Belgien. Jede Störung im ARA-Korridor — Hochwasser am Rhein, Streik in Rotterdam, Cyberangriff auf eine Pipeline — wird sofort als Preis-Spike sichtbar.

Zweitens verschiebt sich der regionale Wettbewerb. Anlagen, die bleiben, gewinnen Marktmacht in ihrer Region. MiRO Karlsruhe und PCK Schwedt liefern weiter direkt in ihre Versorgungsräume — die Lücken in der Mitte und im Westen müssen geschlossen werden, oft aus dem Ausland.

Drittens erhöht jeder Wartungsstillstand das Spread-Risiko. Bei einer Auslastung von 85 Prozent über zwölf Anlagen statt 13 ist eine ungeplante Abschaltung schwerer zu kompensieren. Auch das landet — zeitversetzt um Tage bis Wochen — an der Zapfsäule.

Was Sie als Autofahrer daraus machen

Der praktische Schluss aus dem Raffinerie-Thema ist nicht, jedes Crack-Spread-Diagramm zu studieren. Aber es lohnt sich, drei Dinge mitzunehmen.

Erstens: Rohölpreis-Schlagzeilen sind ein unzuverlässiger Indikator. Wenn Brent fünf Prozent fällt, heißt das nicht, dass der Liter morgen fünf Cent billiger ist. Wer auf der Basis von Ölnews tankt oder eben nicht tankt, liegt häufig daneben. Verlässlicher ist der lokale Vergleich heute gegen gestern.

Zweitens: Regionale Preisunterschiede sind kein Zufall, sondern Geografie. Raffinerie-Nähe, freie Tankstellen-Dichte und Pipeline-Anbindung machen den Preis vor Ort — nicht die Marke an der Säule.

Drittens: Wer regelmäßig tanken muss, gewinnt am meisten, indem er konsequent vergleicht, statt einer Marktnachricht hinterherzulaufen. Vergleichen Sie die Preise in Ihrer Umgebung am besten unmittelbar vor dem Tanken — die Live-Preise von SpritFuchs für Ihre Stadt zeigen, was der Crack-Spread heute konkret bei Ihnen kostet, ohne dass Sie ihn selbst berechnen müssen.

Häufig gestellte Fragen

Eine Raffinerie zerlegt Rohöl in Fraktionen mit unterschiedlichen Siedepunkten — Flüssiggas, Naphtha, Benzin, Kerosin, Diesel, Heizöl, Bitumen. Aus einem Barrel Rohöl entstehen je nach Anlage und Marktlage rund 19 bis 22 Liter Benzin und 9 bis 12 Liter Diesel. Erst nach diesem Prozess hat man das, was später als Super E10 oder Diesel in den Tank fließt.

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